Im Viertelfinale der Champions League kommt es zum Kracher zwischen Bayern München und Inter Mailand. Die Bayern müssen auf dem Weg in ein mögliches „Finale dahoam“ das Defensive-Bollwerk der Italiener knacken, die in der aktuellen CL-Saison erst zwei Tore kassiert haben - und sind selbst arg ersatzgeschwächt.
Rummenigge bangt um Meisterschaft
Für Karl-Heinz Rummenigge wird das Duell besonders speziell. Der langjährige Bayern-Boss spielte zu seiner aktiven Karriere sowohl für den deutschen Rekordmeister als auch für Inter.
Im exklusiven SPORT1-Interview, das vor den Hiobsbotschaften bei Alphonso Davies und Dayot Upamecano geführt wurde, blickt Rummenigge auf das Duell und verrät, was für ihn noch fehlt, um die Machtverhältnisse im deutschen Fußball aus Bayern-Sicht wieder zurechtzurücken.
SPORT1: Bayern gegen Inter im Viertelfinale der Champions League ist für Sie persönlich sicher ein Traumlos. Was erwartet uns da sportlich?
Karl-Heinz Rummenigge: Der italienische Fußball, das hat man zuletzt bei der Nationalmannschaft gesehen, spielt nicht mehr reinen Catenaccio, sondern auch sehr modernen Fußball. Das durften wir ja jetzt in den beiden Länderspielen gegen Italien sehen. Inter ist da ähnlich, steht aber vor allem in der Abwehr top. Da werden unsere Stürmer gut spielen müssen, um sich Chancen zu erspielen.

SPORT1: Wird es also ein reines Duell zwischen der italienischen Abwehr und der bayerischen Offensive?
Rummenigge: Nein, nicht nur. Vorne hat Inter trotzdem mit Lautaro Martínez und Marcus Thuram zwei Top-Stürmer, die auch immer in der Lage sind, der Abwehr Probleme zu bereiten.
SPORT1: Ist es für den FC Bayern ein Nachteil, dass die erste Partie ein Heimspiel ist?
Rummenigge: Ich glaube, das spielt gar keine Rolle mehr. Früher habe ich immer lieber zuerst auswärts gespielt, dann konntest du eventuell noch etwas reparieren. Aber durch den Fakt, dass die Auswärtstorregel abgeschafft wurde, ist das kein Vorteil mehr.
„Inter ist eine Top-Mannschaft in Europa“
SPORT1: Wie meinen Sie das?
Rummenigge: Wenn man früher auswärts lediglich 1:2 verloren hat, ist man schon mit dem Gefühl nach Hause geflogen, dass man zu Hause nur ein Tor braucht und schon ist man weiter – eben aufgrund des einen Auswärtstreffers. Das gibt es heute nicht mehr. Es war eine gute Entscheidung der UEFA, das zu ändern. Die Spiele sind dadurch besser geworden.
SPORT1: Sind Sie denn mittlerweile zuversichtlicher was den „Titel dahoam“ angeht?
Rummenigge: Erst einmal muss man der Mannschaft ein großes Kompliment machen, wie sie gegen Leverkusen gespielt hat. Sie hat zwei tolle Spiele abgeliefert. Wenn man fünf Tore gegen Leverkusen erzielt und keines kassiert, ist das schon mal per se ein tolles Ergebnis. Aber in der Champions League musst du von Runde zu Runde mit einem Schuss Demut reingehen.
SPORT1: Wie muss man es denn angehen?
Rummenigge: Im Wissen darum, dass Inter Mailand eine Top-Mannschaft in Europa ist. Sie standen 2023 nicht zufällig im Finale und hatten Manchester City damals am Rande einer Niederlage. Das alleine muss für uns Grund genug sein, nicht zu glauben, dass wir Favorit sind. Das werden zwei ganz schwere Spiele. Beide Partien werden wir mit einer Top-Tagesform spielen müssen, um dann unser großes Ziel – nämlich in die nächste Runde zu kommen - dann auch wirklich zu erreichen.
Rummenigge warnt Bayern
SPORT1: Sie haben bei der 125-Jahr-Feier des FC Bayern mahnend den Zeigefinger gehoben und gesagt, man müsse als Trainer einer Top-Mannschaft jede Woche performen. In der Bundesliga hatte die Mannschaft zuletzt Probleme. Konstanz bekam man eher in der Champions League zu sehen. Was fehlt dem Team noch?
Rummenigge: Die Königsklasse ist immer ein Highlight. In den Spielen gegen Leverkusen ging es zudem um ein bisschen mehr als nur die Champions League…
SPORT1: Die Statik in Fußball-Deutschland ist laut CEO Jan-Christian Dreesen durch das Weiterkommen gegen Leverkusen wiederhergestellt. Sehen Sie das auch so?
Rummenigge: Diese Statik ist wieder einigermaßen hergestellt. Aber komplett ist sie erst, wenn wir am Ende der Saison auch Deutscher Meister geworden sind. Wir sollten uns da jetzt noch nicht so sicher sein. Wir haben gegen Bochum daheim 2:0 geführt, in Berlin 1:0 geführt und dabei aber trotzdem fünf Punkte verloren. Das ist ein Luxus, den wir uns in Zukunft nicht mehr erlauben dürfen. Wir müssen schon konzentrierter und engagierter spielen, um die Punkte zu holen, die wir brauchen. Leverkusen wird jetzt nochmal ein seriöser Gegenspieler werden.
Zeit in Italien? „Hat mich komplett verändert“
SPORT1: Lassen Sie uns nochmal auf Inter zurückkommen. Was hat ihre Zeit als Aktiver in Mailand mit Ihnen persönlich gemacht?
Rummenigge: Es hat mich komplett verändert. Ich durfte viel lernen – nicht nur die Sprache, sondern auch über die Kultur und die Menschen. Die sind dort anders und ich muss sagen: Es hat meinen Blickwinkel auf die Dinge sehr geöffnet. Und: Es hat mir in meiner zweiten Karriere im Management sehr geholfen.
SPORT1: Und als Sportler?
Rummenigge: Als ich dort gespielt habe, war die italienische Liga das, was heute die Premier League ist. Die Serie A war damals die beste Liga der Welt und alle Top-Spieler waren dort. Michel Platini, Paulo Falcao, Sócrates, Zico und viele mehr. Es war schon angenehm dort zu spielen, aber auch dort zu leben. Für uns als Familie war das in jeder Beziehung ein tolles Erlebnis.
SPORT1: Und modisch?
Rummenigge: Ja, auch modisch (lacht). Da ist ein bisschen etwas hängengeblieben, wie man hoffentlich sieht.
SPORT1: Herr Rummenigge, vielen Dank für das Gespräch.