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"Das toppt nochmal die Dreistigkeit, die im Raum steht"

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Hannawald: „Toppt die Dreistigkeit“

Der Skisprung-Skandal erhält durch das Geständnis von Janne Ahonen eine weitere Facette. Sein früherer Weggefährte Sven Hannawald macht bei SPORT1 seinem Ärger Luft - auch über den „Schwachsinn“ der norwegischen Athleten.
Beim Skispringen leben die Athleten den Traum vom Fliegen - insbesondere auf den ganz großen Schanzen. Inzwischen sind Sprünge auf weit über 200 Meter möglich. SPORT1 zeigt die Entwicklung des Weltrekords.
Moritz Thienen
Der Skisprung-Skandal erhält durch das Geständnis von Janne Ahonen eine weitere Facette. Sein früherer Weggefährte Sven Hannawald macht bei SPORT1 seinem Ärger Luft - auch über den „Schwachsinn“ der norwegischen Athleten.

Das Skispringen kommt einfach nicht zur Ruhe. Nach dem Schummel-Skandal rund um das norwegische Team hat jetzt auch Legende Janne Ahonen zugegeben, dass zu seiner aktiven Zeit nicht immer alles mit rechten Dingen zuging.

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Einer seiner Hauptrivalen war die deutsche Legende Sven Hannawald, der sich bereits nach Bekanntwerden des Skandals rund um das norwegische Team äußerst emotional gezeigt hatte.

Sven Hannawald gewann die Vierschanzentournee
Sven Hannawald gewann die Vierschanzentournee

Im Gespräch mit SPORT1 erklärt der ehemalige Vierschanzentournee-Sieger, warum ihn der Skisprung-Skandal so unglaublich bewegt, welche Änderungen er sich für die Zukunft wünscht und was er über das Schummel-Geständnis seines ehemaligen Rivalen denkt.

Ahonen-Geständnis? „Schade und auch traurig“

SPORT1: Herr Hannawald, was sagen Sie zum Geständnis Ihres langjährigen Konkurrenten Janne Ahonen, zu seiner aktiven Zeiten bewusst mit Anzügen getrickst zu haben?

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Sven Hannawald: Ich bin mir nicht ganz sicher, was der Zweck davon sein soll. Ist dieses Geständnis im Nachhinein jetzt eine Befreiung der Seele? Ich habe da ein echtes Fragezeichen vor mir. Ich finde es auf jeden Fall schade und auch traurig. Das immer gearbeitet wird, ist klar, egal ob im Motorsport oder bei uns. Ob man sich dann aber in einem Zug mit Betrüger nennt, ist schon noch einmal ein Unterschied. Mir fehlt dafür das Verständnis, auch weil es seine ganzen Erfolge natürlich in Frage stellt.

SPORT1: Laut Ahonen handelte es sich damals um ein in der Skisprung-Szene bekanntes und verbreitetes Phänomen. War es damals üblich, zu tricksen?

Hannawald: Nein! Es wird natürlich immer zwischen den Zeilen gearbeitet. Man liest sich das Reglement durch und es ist dann wie in anderen Sportarten auch. Es gibt im Reglement immer gewisse Hintertüren. Da macht sich die FIS dann jedes Jahr Gedanken, wie man gewisse Trends eindämmen kann. Es gibt dann aber in jedem Jahr neue Trends, die vorher niemand so richtig auf dem Schirm hatte, die sich dann positiv auf den Sprung auswirken. Das ist dann aber immer noch in Anführungszeichen im normalen Bereich. Auch zu meiner Zeit wurde da bestimmt ab und an mal übertrieben. Aber das, was jetzt von den Norwegern gemacht wurde, ist kompletter Betrug. Dementsprechend verstehe ich nicht, warum man sich (Anm. d. R.: Ahonen) in diesem Atemzug mit diesen Dingen gleichstellt.

Janne Ahonen (l.) und Sven Hannawald lieferten sich über viele Jahre Duelle auf der Schanze
Janne Ahonen (l.) und Sven Hannawald lieferten sich über viele Jahre Duelle auf der Schanze

Hannawald: „Da wurde zwischen den Zeilen gearbeitet“

SPORT1: Haben Sie konkreten Situationen aus ihrer aktiven Zeit in Erinnerung, bei denen Sie sich gedacht haben: „Das kann doch nicht regelkonform sein”?

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Hannawald: Wir hatten bei uns auch schon immer die Thematiken. Damals waren die Anzüge noch so, dass man sie beeinflussen konnte, aber bei weitem nicht in dem Maße, wie es heute ist. Unsere Anzüge waren viel weiter. Das heißt, wenn man den Schritt etwas hochgezogen hätte, sind die im Vergleich zu heute nicht an der Stelle geblieben. Es gab auch schon immer Trends, egal ob mit den Anzügen oder den Skiern. Da wurden eine Zeit lang Keile benutzt und da hatten sich bestimmte Teams überlegt, diese seitlich zu verstärken, weil es das Planstellen in der Luft verbesserte. Das war aber nicht verboten. Das war dann kein Betrug. Da wurde zwischen den Zeilen gearbeitet. Danach hat man es dann wieder reglementiert - auch, weil es zu vielen Verletzungen gekommen ist. Das ist aber ein normales Vorgehen in Sportarten, wo es eine Verbindung von Material und Mensch gibt. Aber jetzt die Anzüge aufreißen und da noch ein zusätzliches Material hinzufügen, das ist Betrug.

SPORT1: Es gab früher also keine Situation, die man mit dem aktuellen Skandal im norwegischen Team vergleichen kann?

Hannawald: Mir ist kein Fall bewusst, auch wenn wir früher natürlich immer Theorien hatten. Da habe ich mir oft gedacht: Wie kann dieses Schrittmaß konform sein? Wie kann dieser Anzug, wo ich gefühlt noch selbst mit reinsteigen kann, durchgehen, bei den aktuellen Regeln. Das sind die Fragen, die wir schon immer hatten. Da kommen wir dann aber weg von den Dingen, die gemacht werden, hin zu den Dingen, die zugelassen werden. Nur deswegen fängt dieses ganze Arbeiten an, sobald diejenigen merken: „Oh, da geht ja etwas. Dann probieren wir es mal und kommen dann vielleicht sogar noch damit durch.“ Das kriegen dann andere Nationen auch mit und fangen auch an. Ein Punkt, warum es immer wieder so ist, ist, dass die Kontrolleure einfach nicht strikt sind.

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SPORT1: Also kann man schon sagen, dass es ein Problem bei der FIS gibt, die eine Grauzone zulässt?

Hannawald: Ich wundere mich immer, dass sie sich über den Sommer ewig Zeit nehmen, um die Erfahrungen der vergangenen Saison zu besprechen. Dann schnüren sie ein Reglement, was ganz okay klingt - sind dann aber, wenn es darum geht, dieses Reglement strickt anzuwenden, nicht konsequent. Deswegen wäre es für mich für die Zukunft extrem wichtig, dass man den Anzug wieder vereinfacht. Man sieht jetzt, dass die Maße der Anzüge komplett ausufern. Da muss man zurückrudern auf eine gewisse Normalität. Aber bei den Kontrollen bin ich mir sicher, dass etwas ganz schiefläuft. Das ist auch der Grund, warum dieses ganze Theater überhaupt losgeht.

Der Manipulationsskandal um Norwegens Skispringer zieht immer weitere Kreise - und wirft einen Schatten auf die Skisprung-WM in Trondheim. Nun äußert sich auch Andreas Wellinger zu den Vorkommnissen.
02:14
Skisprung-Skandal! Jetzt meldet sich Wellinger zu Wort | Skispringen

„Skispringen wird komplett lächerlich hingestellt“

SPORT1: Hat das Skispringen aus Ihrer Sicht ein Glaubwürdigkeitsproblem?

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Hannawald: Das ist das Problem. Weil ich so sehr am Skispringen hänge und es mal meine größte Liebe war - und jetzt sehe ich, dass die komplett lächerlich hingestellt wird. Mir ist egal, wer gewinnt. Aber ich sehe Probleme für das Skispringen. Wenn man den Sport aktuell googelt, dann liest man überall nur von Skandalen. Deswegen gehe ich eher forscher ran, weil ich nie gedacht hätte, dass wir nach dem Skandal von 2022 in Peking jemals noch einmal an so einen Punkt kommen. Denn auch da war Skispringen einfach nur lächerlich.

SPORT1: Bei Ihnen oder beim DSV können Sie sich aber an keine Situation erinnern, in der mal an die Grenze des Erlaubten gegangen wurde, oder?

Hannawald: Nein. Zu meiner Zeit hatten wir von meiner Ski-Firma zwar einen speziellen Ski, der breiter war als die bisherigen. Damals hatte sich zuvor niemand wirklich Gedanken gemacht, wie ein Ski von der Bindung bis zur Spitze verlaufen muss. Damals hieß es nur: Die Spitze und das Ende sind 11,5 Zentimeter breit und die Mitte ist 10,5 Zentimeter breit. Etwas anders stand nicht im Reglement und das hat meine Ski-Firma damals ausgenutzt, aber mit dem Unterschied, dass diesen Ski alle Nationen springen konnten. Es wird immer geguckt werden, was im Reglement steht und wie man das für sich nutzen kann. Es heißt aber eigentlich nicht: Wir machen einfach, was wir wollen, weil es keiner sieht. Da geht es dann nämlich in Richtung Betrug. Bei mir hatte meine Ski-Firma damals ein Loch im Reglement gefunden und das dann natürlich ausgenutzt. Aber: Diese Ski hätte jeder springen können, der unter Vertrag bei der Firma war, egal ob das ein Slowene, Norweger, Deutscher oder sonst wer war.

Hannawald schießt gegen Forfang und Lindvik

SPORT1: Kann man auch beim aktuellen Fall der Norweger davon sprechen, dass sie einfach nur eine Lücke im Regelwerk genutzt haben?

Hannawald: Nein auf gar keinen Fall. Da gibt es keine Lücke. Sondern da wurde der Anzug bewusst manipuliert. Die haben nicht nur die Naht aufgetrennt, sondern auch den Schaumstoff. Das heißt, sie haben das gesamte Material verfälscht.

SPORT1: Ahonen sagte, dass die Regelverstöße nie ohne das Wissen der Springer geschehen. Das widerspricht ja den Aussagen von Johann Andre Forfang und Marius Lindvik, die behauptet haben, nicht zu wissen, was mit ihrem Anzug passiert ist?

Hannawald: Die beiden Post von diesen zwei Spezialisten kann ich gar nicht ernst nehmen. In der sensibelsten Sportart der Welt wollen mir die beiden erzählen, dass sie nicht merken, was mit ihrem Anzug passiert. Da merkt man jeden halben Zentimeter, der anders ist. Das ist völliger Schwachsinn. Auch der Kombinierer Graabak, der mir erzählen wollte, dass er nicht weiß, welche Bindung er am Ski hat. Wir begeben uns in die Luftfahrt. Logisch müssen wir wissen, was ist. Wenn bei uns irgendetwas anders ist, fallen wir und tun uns weh. Im schlimmsten Fall stürzen wir so blöd, dass wir sterben. Da will der mir erzählen, dass ihm drumherum egal ist, was passiert. Auf keinen Fall! Das sind Lügen. Das toppt natürlich nochmal die Dreistigkeit, die eh schon im Raum steht. Die Typen kann ich während meiner Lebenszeit sicher nicht mehr ernst nehmen.

Der Skandal um die norwegischen Skispringer Marius Lindvik und Johann André Forfang zieht seine Kreise
Der Skandal um die norwegischen Skispringer Marius Lindvik und Johann André Forfang zieht seine Kreise

„Es ist schade, dass es so drei Opfer gibt ...“

SPORT1: Um das Problem in Griff zu bekommen, schlägt Ahonen eine unabhängige und externe Instanz zur Prüfung der Anzüge vor - ähnlich wie bei Dopingtests. Halten Sie das für eine realistische und sinnvolle Lösung?

Hannawald: Das könnte natürlich ein Ansatz sein. Ich finde aber, dass man das Rad da gar nicht so weit drehen muss. Man muss einfach die Würze aus dem Anzug nehmen, auch, weil das einfach am schwersten zu kontrollieren ist. Da muss man sich jetzt mal gemeinsam Gedanken machen. Die Trainer setzten sich ja mehrfach im Jahr alle zusammen und da muss versucht werden, ein gemeinsames, gerechtes Reglement für alle Nationen zu finden. Wir brauchen keine Kommission, wir brauchen einen Kontrolleur, der die Regeln einfach anwendet. Zudem sollte der Schnitt bei den Anzügen wieder vereinfacht werden. Eventuell braucht es einen allgemein etwas größeren Anzug mit einem einfachen Schnitt, mit einem Mindestmaß zusätzlich zum Körpermaß von zum Beispiel 4 Zentimeter mehr. Somit könnten sie die Anzüge vor der Kontrolle nicht irgendwo einklemmen, um durch die Kontrolle zu kommen. Wenn er dann an bestimmten Stellen enger ist, dann ist das Thema durch. Ganz einfach.

SPORT1: Man merkt Ihnen an, dass Ihnen das Thema sehr nah geht. Was macht dieser Skandal mit Ihnen?

Hannawald: Es ist schade, dass es so drei Opfer gibt, die sich nicht anders zu helfen wissen und alles versuchen, um ein Stück weiter zu springen. Die sehen nicht, wie sie die komplette Sportart runterziehen. Bei denen ist der Horizont so flach, dass sie gar nicht unterscheiden können zwischen dem, was sie jetzt gemacht haben und normalen Dingen, die verändert wurden, weil es eine kleine Lücke gibt. Das, was die machen, geht dagegen gar nicht und denen scheint auch nicht bewusst zu sein, was sie damit anrichten.