Pünktlich zum Neujahrsklassiker „Dinner for one“ haben die deutschen Skispringer - dieses Mal in Person von Pius Paschke - auch bei der abgelaufenen Vierschanzentournee ihren zweifelhaften Ruf bestätigt: Als Favorit in die Tournee gestartet, als Geschlagener auf dem harten Boden der Realität gelandet.
Österreich? Weißflog hat Verdacht
Das bittere DSV-Fazit „same procedure as every year“ (“das gleiche Prozedere wie jedes Jahr“) passte auch dieses Mal wie die Faust aufs Auge. Während die Österreicher um Tourneesieger Daniel Tschofenig die restliche Konkurrenz in Grund und Boden sprangen, stürzten die DSV-Adler mal wieder ab.
Weißflog: „Das ist kaum erklärbar“
Skisprung-Legende Jens Weißflog analysiert im SPORT1-Interview das rätselhafte Abschneiden der deutschen Springer, zieht einen Bayern-Vergleich bei der österreichischen Dominanz und äußert diesbezüglich einen Verdacht.
SPORT1: Herr Weißflog, die deutschen Athleten haben mal wieder enttäuscht. Gefühlt ist es jedes Jahr das Gleiche: Im Vorfeld dominiert ein DSV-Springer die Weltelite und bei der Tournee geht dann nicht mehr viel. Woran könnte das liegen?
Jens Weißflog: Das ist kaum noch erklärbar. Irgendwie schaffen wir es nicht, die Form über Weihnachten zu erhalten. Man kann jetzt viel über den vermeintlichen Druck sagen, aber den hatten die anderen auch. Es ist schade, muss man sagen. In den vergangenen Jahren gab es schon viele gute Ausgangspositionen, aber dieses Mal hatten wir mit Paschkes fünf Einzelsiegen im Vorfeld die beste.
Weißflog: „Dominanz fast erschreckend“
SPORT1: Stimmt der Formaufbau nicht, wenn man ganz früh in der Saison schon so gut ist, und dann die Leistungen nicht bestätigen kann? Und machen es die anderen besser?
Weißflog: Dieses Mal hat es sich auf die Österreicher beschränkt, die Jahre zuvor war es zum Beispiel Ryōyū Kobayashi. Nüchtern betrachtet, sind es immer die anderen, die das Rennen machen. Aber woran das genau liegt, darüber rätsele ich auch etwas. Mit solch einem Selbstvertrauen, wie Paschke in die Tournee gegangen ist, will ich nicht sagen, dass man so was reißen muss, aber eigentlich sollte man um den Sieg mitspringen. Es ist fast nicht erklärbar. Dass die Österreicher stark sind, war klar. Aber die Dominanz ist fast schon erschreckend.
SPORT1: Dennoch war Paschke als Gesamt-Sechster der Einzige aus dem DSV-Team, der einigermaßen mit den Österreichern mithalten konnte. Hätten Sie ihm das im gesetzten Sprungalter zugetraut?
Weißflog: Keinesfalls. Man muss wirklich sagen, dass das eine Überraschung ist. Für ihn ist das toll, auch wenn mehr drin gewesen wäre. Natürlich stand er unter Druck, was man auch an seinen Sprüngen gesehen hat. Er ist unheimlich aggressiv gesprungen, teilweise zu aggressiv. Das sind Fehler, die man begeht, wenn man unter Druck steht. Dennoch war es das beste Tournee-Ergebnis seiner Laufbahn, das mildert die Enttäuschung ab.
SPORT1: Was sagen Sie zu Andreas Wellinger und den anderen DSV-Adlern?
Weißflog: Wellinger hätte ich mehr zugetraut, muss ich ehrlich sagen. Er war mein Geheimfavorit aus der zweiten Reihe heraus. Karl Geiger hat sich im Laufe der Tournee zumindest gesteigert, der Trend war also positiv. Der Rest tut sich allerdings schwer. Man sieht‘s bei Stephan Leyhe, bei Philipp Raimund oder bei Markus Eisenbichler, der es gar nicht zur Tournee geschafft hat.
SPORT1: Auch andere Nationen haben ihre Probleme …
Weißflog: Das gesamte Feld ist, außer Österreich, ziemlich durcheinandergewirbelt. Die Polen und Slowenen sind ganz weg, da spielt aktuell keiner eine Rolle. Norwegen hat mit Johann Andre Forfang (Vierter der Gesamtwertung; Anm. d. Red.) immerhin noch ein Achtungserfolg. Da tut sich im Moment jede Nation schwer, sich mit Österreich zu vergleichen.
Weißflog schreibt deutsche Springer nicht ab
SPORT1: Andy Goldberger sagte kürzlich, dass die österreichische Dominanz den Skisprung gefährden würde, weil sich dann irgendwann niemand mehr dafür interessiert. Hat er recht?
Weißflog: Ja, das ist überall so. Wenn nur Bayern gewinnt, wird es auch in der Bundesliga langweilig. So etwas kann gefährlich für eine Sportart sein, aber das wird sich wieder ändern. Ich bin davon überzeugt, dass die Österreicher in den kommenden Weltcup-Springen nicht mehr so dominant sein werden wie bei der Tournee.
SPORT1: Was muss jetzt passieren, damit die Deutschen im weiteren Saisonverlauf nicht so hinterherspringen wie bei der Tournee?
Weißflog: Ich bin überzeugt, dass wir beim Mannschaftsspringen immer noch gut genug für eine Medaille sind. Wer sich die Einzelergebnisse anschaut, wird sehen, dass wir hinter Österreich nur noch mit Norwegen Konkurrenz haben, wenn sich nicht die anderen Nationen steigern. Aber auch im Einzel würde ich die deutschen Springer nicht jetzt schon abschreiben. Allerdings benötigt man bei solch einer Großveranstaltung immer die Form seines Lebens – also wie Paschkes Form vor der Tournee.
SPORT1: Es hieß, dass Bundestrainer Stefan Horngacher nicht zur Diskussion steht. Zu Recht?
Weißflog: Das würde ich mit den Platzierungen in dieser Saison als falsch empfinden. Natürlich steht wieder kein deutscher Springer bei der Tournee auf dem Podest, aber von einer echten Krise zu reden mit einem, der als Gesamt-Führender in die Tournee reinging, ist fehl am Platz. Auch wenn es in der Bundesliga manchmal so ist, dass man nach drei Niederlagen den Trainer wechselt (lacht).
Kraft? „Situation total unglücklich“
SPORT1: In Bischofshofen fühlte sich Stefan Kraft durch den Wind um den Tournee-Sieg betrogen. Fühlen Sie mit ihm?
Weißflog: Absolut. Betrogen ist sicher überspitzt, aber die Situation war total unglücklich für ihn. Die ersten drei waren vor dem Finalsprung nur ein paar Punkte auseinander, es ging also sehr knapp zu. Da hat der Wind auf alle Fälle eine Rolle gespielt. Ich habe ihn noch nie so angespannt gesehen wie vor dem letzten Sprung. Er war wirklich am Limit und musste auch einen absoluten Limit-Sprung bringen. Das hat dazu beigetragen, dass er den Sieg verpasst hat, obwohl der Sprung auch sehr gut war. Er lag ja nur vier Punkte hinter dem Sieger (Tschofenig; Anm. d. Red.).
SPORT1: Vonseiten der Norweger gab es Schummel-Vorwürfe gegen das österreichische Team. Ist das nur Ablenkung von der eigenen Schwäche oder wie bewerten Sie das?
Weißflog: Das ist eine Diskussion, die es immer gibt, wenn jemand derartig überlegen ist. Egal, ob es die Österreicher sind oder vor ein paar Jahren die Norweger. Man sucht dann immer danach, was wir nicht haben. Vielleicht haben sie ja tatsächlich etwas, was aktuell aber nicht nachweisbar ist. Davon muss man einfach ausgehen. Das Regelbuch ist mittlerweile so groß und es wird so viel kontrolliert, dass es kaum noch Spielraum gibt. Wenn sie etwas innerhalb der Möglichkeiten, die das Regelbuch noch erlaubt, gefunden haben, dann muss es etwas Besonderes sein. Da sind oft Sprünge dabei, bei denen man sich fragt, wie der so weit landen kann.