So schnell können sich die Realitäten ändern in der Formel 1. Noch am Samstag galt McLaren nach dem dominanten Doppel-Erfolg inklusive Sieg-Geschenk von Lando Norris an Oscar Piastri als großer Favorit auf den Konstrukteurs-WM-Titel.
McLaren tobt wegen Norris-Strafe
Jetzt hat Ferrari nach Platz zwei für Charles Leclerc und Rang sechs für Carlos Sainz plötzlich wieder echte WM-Chancen.
Auf 21 Punkte ist der Vorsprung des britischen Traditionsteams in der Konstrukteurswertung geschrumpft. Beim Finale in Abu Dhabi sind noch maximal 44 Punkte zu vergeben.
Kurios: Für beide Mannschaften wäre es der erste Titel seit 2008. Damals holte McLaren mit Lewis Hamilton die Fahrer-WM, Ferrari war der beste Konstrukteur.
McLaren-Teamchef kritisiert unverhältnismäßig harte Strafe
Brisant dabei: McLaren hat spätestens seit Saisonmitte das beste Auto – und trotzdem schaffen es die Piloten nicht, alles aus dem MCL38 herauszuholen.
Das Problem diesmal: Norris fährt unter doppelt gelb geschwenkter Flagge verbotenerweise so schnell, dass das im Rückspiegel sogar dem Führenden Max Verstappen auffällt. Die Folge ist eine Zehn-Sekunden-Stop-&-Go-Strafe, die den Briten auf Platz zehn zurückfallen lässt.
„Lando hat aus einem Rennen, was ein Sieg hätte sein können, nur zwei Punkte geholt“, resümiert Teamchef Andrea Stella bei Sky ernüchtert. „Das sind Rennsituationen. Manchmal gewinnt man, manchmal verliert man. Wir haben eine klare Chance verpasst, um den Deckel draufzumachen.“
Stella angesäuert
Hinsichtlich der drastischen Strafe zeigt sich der Italiener ungewohnt dünnhäutig: „Lando ist auf dem Gas geblieben. Die Regel ist klar und einfach, man muss vom Gas gehen und zeigen, dass man weiß, dass man in einem gelben Sektor ist. Was aber die Anwendung der Strafe angeht, haben wir jeden Sinn für Verhältnismäßigkeit verloren.“
Und weiter: „Man muss sich die Grenzüberschreitung in Relation zu dem, was auf der Strecke los war, angucken anstatt irgendeine Regel aus dem Regelbuch, das wahrscheinlich schon verstaubt ist, zu nehmen und anzuwenden ohne Verstand. Da gibt es die Gelegenheit für die FIA etwas zu verbessern.“
Die Aussage zeigt: Beim britischen Traditionsteam liegen die Nerven blank.
Norris: „Bin doch kein Idiot“
Genau wie beim Fahrer Lando Norris. Der Brite muss nun sogar um den Vize-WM-Titel bangen, hat nur noch acht Punkte Vorsprung auf Charles Leclerc.
Entsprechend niedergeschlagen war er nach dem Rennen: „Ich bin ja kein Idiot. Wenn ich die Flagge gesehen hätte, wäre ich langsamer gefahren“, räumt er ein und nimmt die Schuld auf sich: „Ich weiß nicht, ob ich sie nicht gesehen habe, oder einfach nur dumm war. Die Pace des Autos war unglaublich. Das Team macht einen tollen Job, aber ich habe es im Stich gelassen. Ich kann mich dafür nur entschuldigen“
Schumacher lobt Norris
Feststeht: Es ist nicht das erste Mal, dass Norris sich von seiner weichen Seite zeigt. „Er hinterfragt sich zu oft“, analysiert Sky-Experte Ralf Schumacher, der Norris allerdings noch nicht abschreibt: „Er ist kein Max Verstappen, aber dennoch in der Lage, mit dem richtigen Team und dem richtigen Paket eine WM zu gewinnen.“
Die Chance das zu zeigen, hat er bereits am kommenden Wochenende in Abu Dhabi. Dann geht es im Duell gegen Ferrari und Charles Leclerc um die Konstrukteurs-WM und den Vize-WM-Titel bei den Fahrern.