Es gab Usain Bolt, es gab Carl Lewis - aber der Urknall ging von ihm aus: James Cleveland Owens war der schnellste Mann der Welt. Amerikas Jahrhundert-Leichtathlet. Eine globale Sport-Ikone wie nach ihm Muhammad Ali oder Michael Jordan, die bis heute in aller Munde ist - auch wegen der besonderen historischen Umstände, unter dem ihr ihre bahnbrechenden Leistungen gelangen.
Der missachtete Jahrhundert-Athlet

Schon mit 23 Jahren hatte der Mann, der als Jesse Owens bekannt war, das sportliche Vermächtnis vollendet, für das er bis jetzt in Erinnerung ist. Heute vor 45 Jahren starb die Legende, die 1936 ausgerechnet bei Olympia im nationalsozialistischen Berlin vor den Augen Adolf Hitlers zum afroamerikanischen Idol wurde - und danach trotzdem noch lange um die ihm gebührende Anerkennung kämpfen musste.
Vom armen Migranten zum Sportwunder
Owens wurde am 12. September 1913 als jüngstes von zehn Kindern in der Gemeinde Oakville in Alabama geboren, seine Vita war 21 Jahre die typische Biografie eines unterprivilegierten Afroamerikaners in den US-Südstaaten.
Sein Großvater war noch ein Sklave, sein Vater Henry Cleveland auch noch ein Baumwollpflücker - ein „Sharecropper“, der ein kleines Stück Land pachten und bewirtschaften durfte, um ein Auskommen zu haben, aber den Grundbesitzer an der Ernte mitverdienen lassen musste.
Als James Cleveland neun Jahre alt war, floh seine Familie als Teil der „Great Migration“ vor den prekären Bedingungen und dem noch immer institutionalisierten, oft gewalttätigen Rassismus des Südens. In der Großstadt Cleveland im nördlicheren Ohio arbeiteten Owens' Vater und sein älterer Bruder in einem Stahlwerk. J.C. - der Name „Jesse“ entstand, weil seine Lehrerin seine Aussprache der Initialen missverstand - verdiente in der Jugend mit schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs dazu: Er arbeitete in einem Schuhgeschäft, belud LKWs, lieferte Lebensmittel aus.
Die Entdeckung seines besonderen Talents als Läufer und Athlet änderte sein Leben - spätestens ab dem 25. Mai 1935, der als „Day of Days“ in die Sportgeschichte eingehen sollte.
1935: Eine bis heute unerreichte Rekord-Show
Beim „Big Ten“ - einem großen Studentenwettkampf im Stadion der Universität in Ann Arbor/Michigan - stellte Owens fünf Weltrekorde an einem Tag auf und einen weiteren ein.
Owens egalisierte in 9,4 Sekunden den Rekord über 100 Yards. Angeblich nur zehn Minuten später legte er im Weitsprung bei seinem einzigen Versuch mal eben einen Satz über 8,13 Meter hin - ein Weltrekord, der bis 1960 hielt.
Danach lief Owens noch die 220 Yards in 20,3 Sekunden, was auch als Rekord über 200 Meter gewertet wurde. Und schließlich benötigte er nur 22,6 Sekunden für die 220 Yards Hürden, was gleichzeitig als Rekord über die 200-m-Hürden-Strecke galt.
Ob der offizielle Zeitlauf, dass Owens all das in 45 Minuten vollbracht hat, so stimmt, ist umstritten: Manche sagen, dass es eher 70 Minuten oder gar zweieinhalb Stunden waren. Aber so oder so: Eine derartige Taktung an Höchstleistungen an einem Tag ist bis heute in der Geschichte der Leichtathletik unerreicht.
Olympia in Berlin: Triumphzug statt Boykott
Jesse Owens war plötzlich ein Star, wurde in den Presseberichten als Genie wie Shakespeare und Mozart beschrieben, wurde zur großen Hoffnung für Olympia 1936 in Berlin - er enttäuschte sie bekanntermaßen nicht. Weniger bekannt ist, dass Owens zwischenzeitlich gar nicht bei den Spielen antreten wollte.
Ähnlich wie bei vergleichbaren Anlässen heute gab es damals in den USA eine Debatte, ob nach der Machtergreifung der Nazis 1933 nicht ein Boykott das Gebot der Stunde wäre. Speziell auch afroamerikanische Bürgerrechtler sahen die Gefahr, dass sich Owens und Kollegen Hitler mit der Teilnahme an der nationalsozialistischen Propaganda- und Selbstverharmlosungs-Show letztlich einen Gefallen tun würden.
Die auf diesem Standpunkt stehende NAACP fand bei Owens Gehör, er forderte zwischenzeitlich: „Wenn es so ist, dass in Deutschland Minderheiten diskriminiert werden, sollten die USA ihre Teilnahme an Olympia 1936 zurückziehen.“
Durchhalten konnte Owens und Kollegen den moralischen Standpunkt nicht: Sie riefen eine mächtige und aggressive Gegenbewegung auf den Plan, ganz vorn dabei der berühmt-berüchtigte Avery Brundage, damals Chef des US-Olympiakomitees AOC. Er brandmarkte die Boykott-Befürworter als Vaterlandsverräter, als „unamerikanische Agitatoren“. Owens gab unter dem Druck nach und reiste nach Berlin - was für ihn persönlich kein Nachteil sein sollte.
Owens, vor den Spielen von Adidas-Gründer Adolf Dassler für einen bis dato beispiellosen Sponsorendeal gewonnen, legte auch im Olympiastadion eine legendäre Siegesserie hin: Gold über 100 Meter. Gold im Weitsprung. Gold über 200 Meter. Gold in der 4x100-Meter-Staffel.
Der historische Triumphzug des afroamerikanischen Sporthelden vor den Augen Hitlers wurde zum Mythos, wobei die ganze Geschichte etwas komplizierter ist, als sie oft erzählt und verstanden wurde.
Hitler ärgerte sich, aber wahrte den Schein
Zum damaligen Zeitpunkt reagierte Owens noch abwehrend auf erste Berichte, dass Hitler ihn nach seinen Siegen demonstrativ geschnitten und die Teilnahme an seinen Siegerehrungen bewusst verweigert hätte. Owens dementierte das, verteidigte Hitler gar: Der Reichskanzler sei zu bestimmten Zeiten und gegangen, nach dem 100-Meter-Gold hätte er ihm aus der Führerloge auch freundlich zu gewunken, es hätte keinen Eklat gegeben: „Es ist schlechter Stil, den Mann der Stunde eines anderen Landes zu kritisieren.“
Owens zeigte sich damals durchaus eingenommen von der freundlichen Fassade, die Hitlers Regime für die Weltöffentlichkeit damals aufbaute - was dahinter lauerte, ist bekannt. Jenseits des Protokolls war Hitler - wie sein Vertrauter Albert Speer später berichtete - natürlich höchst unerfreut darüber, dass ein schwarzer Athlet der vermeintlich überlegenen arischen „Herrenrasse“ davonlief.
Hitler wusste den ideologischen Frust andererseits aber auch schnell in sein Weltbild einzupflegen: Die „primitiven Nachfahren der Dschungelbewohner“ hätten halt unfaire genetische Vorteile, man müsse sie bei kommenden Länderwettkämpfen ausschließen, klagte Hitler laut Speer hinter verschlossenen Türen.
Was aus heutiger Sicht umso bedrückender ist: Owens ärgerte sich am Ende erklärtermaßen weniger über Hitler als darüber, wie er nach seinen Olympiasiegen in der eigenen Heimat behandelt wurde.
Rassismus und Geldnot in der Heimat
Eine angemessene Würdigung seiner Leistungen gab es in seinem Heimatland nur bedingt. Präsident Franklin D. Roosevelt weigerte sich Owens, im Weißen Haus zu empfangen - aus Furcht, sich bei seinen Wählern im Süden unbeliebt zu machen. „Nicht Hitler hat mich brüskiert, unser Präsident hat es. Er hat nicht mal ein Telegramm geschickt“, schimpfte Owens.
Eine ähnlich bittere Ironie: Während er bei den Berliner Propaganda-Spielen mit seinen weißen Sportlerkollegen übernachten durfte, fand er in US-Hotels weiter die Rassentrennung vor - teils nicht nur im Süden: Das noble Waldorf Astoria in New York durfte er nach der Parade zu seinen Ehren nicht durch den Haupteingang betreten. Er musste im Lastenaufzug zu seinem eigenen Festempfang.
Was Owens außerdem nachhaltig schadete: In einem Streit um Owens‘ sportliche Verpflichtungen nach Olympia bekam er wenige Monate nach den Spielen von den US-Funktionären seinen Amateurstatus entzogen und war unter den damaligen Gegebenheiten zu einem frühen Karriereende mit 23 gezwungen.
Trotz seiner einzigartigen Leistungen ging es Owens nach 1936 wieder nicht viel anders als den meisten anderen Afroamerikanern: Er hatte Schwierigkeiten, seinen Lebensunterhalt zu finanzieren, musste wieder einfache Jobs als Tankwart und Hausmeister annehmen.
Der Held von Berlin gründete eine Putzfirma und verdiente sich ein Zubrot durch Showrennen gegen Pferde, Autos und Motorräder. „Die Leute sagen, ich hätte meinen Status als Olympiasieger herabgewürdigt, aber was sollte ich tun? Ich kann meine Goldmedaillen nicht essen“, sagte Owens einmal. 1939, drei Jahre nach seinem Olympia-Triumphzug, war Owens - später auch wegen Steuerhinterziehung angeklagt - hochverschuldet und meldete Bankrott an.
Die echte Anerkennung kam spät
Erst viele Jahre später erfuhr Owens auch offiziell die Behandlung, die seinem Status angemessen war: US-Präsident Dwight D. Eisenhower engagierte Owens 1955 als Goodwill-Botschafter, der die Welt bereiste und (afro-)amerikanische Anliegen vertrat. 1972 war Owens auch Ehrengast bei Olympia in München, traf Kanzler Willy Brandt und Box-Ikone Max Schmeling.
Owens' politische Haltung blieb kompliziert: Den folgenschweren Black-Power-Protest bei Olympia 1968 von Tommie Smith und John Carlos kritisierte er zunächst als sinnlos militante Symbolpose, änderte aber im Lauf der Jahre seine Meinung und befand, dass der militante Protest alternativlos sei und bleibe.
Im Vorfeld von Olympia 1980 in Moskau wandte sich der einstige Boykott-Befürworter dann gegen den Rückzug der US-Mannschaft wegen der Afghanistan-Invasion. Die olympischen Ideale des sportlichen Miteinanders sollten über den politischen Dingen, auch und gerade in Kriegszeiten, argumentierte er.
Am 31. März 1980, vor Beginn der Spiele, starb der langjährige Kettenraucher Owens 66-jährig an Lungenkrebs. Auf Owens' Grabstein in Chicago stehen versöhnliche Worte an das Heimatland, zu dem er so lange eine zwiegespaltene Beziehung hatte: „Seine Leistungen haben uns das Versprechen Amerikas vor Augen geführt. Sein Glaube an Amerika hat zahllose Andere inspiriert, das Beste für sich selbst und ihr Land zu tun.“
Nach Owens‘ Tod fasste der damalige US-Präsident Jimmy Carter - kürzlich selbst im Alter von 100 Jahren verstorben - ordnete sein Vermächtnis wie folgt ein: „Vielleicht hat kein anderer Sportler den menschlichen Kampf gegen Tyrannei, Armut und Rassenhass je so verkörpert, wie er es getan hat.“