Silvio Berlusconi war ein cleverer Mann, der wusste, was er tat.
Silvio Berlusconi als Fußball-Boss: Er schuf einen Mythos - aber ließ ihn auch verfallen
Er schuf und schädigte einen Mythos
Unabhängig davon, was man als Politiker und Mensch von ihm hielt: So viel muss jeder dem mächtigen Polit-, Wirtschafts- und Sportlenker zugestehen, der nun im Alter von 86 Jahren an Leukämie verstorben ist.
Berlusconi hat den Fußball in seiner Heimat geprägt wie wenige andere. Er erhob den AC Mailand von einem Krisenfall zu einer europäischen Großmacht, ermöglichte die Formation des Star-Ensembles mit Paolo Maldini, Frank Rijkaard, Ruud Gullit und Marco van Basten, das den Mythos Milan bis heute definiert.
Berlusconis Erfolg als Fußball-Macher ist eng verbunden mit seinem Weg zur politischen Macht in Italien, zum Ministerpräsidenten des Landes. Berlusconis Aufstieg zum umstrittenen Polit-Star spielte allerdings auch eine Rolle beim Verblassen des Mythos Milan.
Silvio Berlusconi machte sich mit einem Trick zum TV-Mogul
Die gemeinsame Geschichte von Berlusconi und Milan begann im Februar 1986, als der damals 49 Jahre alte Unternehmer den Verein aus seiner Heimatstadt übernahm.
In der Welt der Wirtschaft hat der einstige Staubsauger-Vertreter und Kreuzfahrt-Animateur damals schon einiges an Aufsehen erregt: Die schon früh von Geheimnissen und Gemunkel umwitterte Karriere Berlusconis führte durch die Bau-Branche und die Medienwelt.
Berlusconi wurde zum Pionier des Privatfernsehens, indem er das damals noch gesetzlich verankerte Monopol des öffentlich-rechtlichen TV mit einem Trick unterlief: Er ließ das Signal seiner Lokalsender mit einer Zeitverzögerung national senden und brach so das Verbot nicht offiziell.
Kurz darauf fiel das Monopol, Berlusconis bunte und meist seichte Unterhaltungsshows wurden zum Renner. Der Einstieg in den Fußball war der nächste Schritt, mit dem Berlusconi seine Eigenmarke aufbaute.
Pompöser erster Auftritt beim AC Mailand
Als Berlusconi einstieg, befand sich Milan an einem Tiefpunkt: Der letzte internationale Titel war über zehn Jahre her, die Rossoneri waren auch auf nationaler Ebene von den Folgen eines Manipulationsskandals gebeutelt, der 1980 zu einem Zwangsabstieg geführt hatte.
Wegen dieser Vorgeschichte war Milan damals günstig zu haben und Berlusconi erkannte das Potenzial, das auch für sein persönliches Image in dem Projekt Wiederaufbau steckte. Zumal auch in einer Zeit, in der die Serie durch die Wechsel von Michel Platini zu Juventus Turin und Diego Maradona zur SSC Neapel im Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit stand. (Diego Maradona: Seine unglaublichen Skandale - und warum sie seinen Mythos nicht zerstörten)
Berlusconi lenkte einen Teil dieser Aufmerksamkeit umgehend mit einem pompösen ersten Auftritt auf sich um: Er flog mit einem Hubschrauber auf dem Trainingsplatz ein und ließ dazu Richard Wagners Walkürenritt einspielen.
Es war ein doppeltes Zitat des Filmklassikers „Apocalypse Now“. Obwohl oder gerade auch weil es in dem Kriegsepos viel um Irrsinn, Egomanie und Größenwahn geht? Man weiß es nicht - ebenso wenig, ob das oft kolportierte Gerücht stimmt, dass Berlusconi eigentlich Fan von Lokalrivale Inter war.
Goldene Jahre mit Gullit, Rijkaard, van Basten
Berlusconi formte Milan nach seinem Bilde um, machte den Klub de facto zu einer Filiale seines Konzerns Fininvest, schuf unternehmerische Strukturen, die im Fußball damals noch kein Standard waren, ersetzte vorherige Funktionäre durch treue Vertraute - allen voran seinen langjährigen Statthalter Adriano Galliani.
In seinen frühen Jahren zeichnete sich Berlusconi durch gutes Gespür aus, was die Fans sehen wollten und was den Klub voranbringen würde.
Berlusconi ermöglichte nicht nur den Kauf von Stars wie Rijkaard, Gullit, van Basten oder auch Carlo Ancelotti und Roberto Donadoni. Er installierte auch den damals noch unbekannten Coach Arrigo Sacchi, der nicht auf defensiven Catenaccio, sondern auf modernen Angriffsfußball mit Viererkette, Raumdeckung und Ballbesitz-Schwerpunkt setzte - Trends, die speziell auch in Deutschland erst Jahre später ankamen.
Sacchis Team holte 1988 die erste italienische Meisterschaft nach neun Jahren Durststrecke, in den beiden Jahren darauf gewann es den Europapokal der Landesmeister, die spätere Champions League - an deren Entwicklung Berlusconi nicht unwesentlich beteiligt war. Der Königsklassen-Triumph 1994 unter Sacchis Nachfolger Fabio Capello war Berlusconis nächster großer Coup.
Fußball ebnete Berlusconi den Weg an die politische Macht
Im selben Jahr gründete Berlusconi seine Partei Forza Italia - benannt nach einem Fußball-Schlachtruf - und zog in seine erste Parlamentswahl. Er gewann sie, weil er erfolgreich auf seine Erfolge in Wirtschaft und Fußball verwies. Und weil das italienische Parteiensystem kurz zuvor durch einen massiven Korruptionsskandal in seine Einzelteile zerlegt worden war.
Berlusconi wurde zwischen 1994 und 2011 letztlich viermal italienischer Regierungschef. Sein rechtspopulistischer, von Personenkult getriebener und vielen Interessenkonflikten und Skandalen (Bunga Bunga) durchzogener „Berlusconismus“ wurde auch dort stilbildend, nicht zuletzt auch für Donald Trump, seinen amerikanischen Bruder im Geiste.
Das Projekt Milan litt derweil an Berlusconis neuem Lebensmittelpunkt: Zwar behielt dieser sein „Baby“ trotz diverser Irrungen und Wirrungen immer im Blick, für den Klub war das aber Segen und Fluch.
Berlusconi war am Ende Segen und Fluch für Milan
Milan erlebte unter Berlusconi noch einige goldene Jahre, gekrönt durch die beiden Königsklassen-Triumphe 2003 und 2007. Als Trainer machte sich damals der nicht nur im Umgang mit den Stars, sondern auch mit Berlusconi und seinen Einmischungen smarte Carlo Ancelotti zur ewigen Klubikone.
Nach und nach verloren die Rossoneri dann jedoch international den Anschluss. Die totale Fokussierung auf den Kosmos Berlusconi und die ihn umschwirrenden Verwandten und Vertrauten waren dabei ein Teil des Problems: Während sich bei der europäischen Konkurrenz die Strukturen und Dimensionen weiterentwickelten, kreiste der Berlusconi-Clan um sich selbst und hielt nicht Schritt. Einen Erben oder eine Erbin, die das Format hatte, Milan in die Zukunft zu führen, brachte er nicht hervor.
Als Berlusconi 2011 sein Ministerpräsidentenamt verlor, machte er vollmundige Ankündigungen, nun mit Milan wieder den Fußball aufzumischen. In Berlusconis letzten Jahren blieb Milan aber auch national ohne einen wichtigen Titel.
2017 verkaufte Berlusconis Fininvest Milan für 740 Millionen Euro an ein chinesisches Konsortium. Es war das Ende einer Ära, die viel vorwegnahm, was im europäischen Fußball heute das Bild bestimmt - im Guten wie im Schlechten.