„Auf Wiedersehen, Planung. Das Leben ist ein Nervenkitzel, der wie im Flug vergeht und den man spontan ergreifen muss.“
Das heikle Pokerspiel der Roma
So kommentiert die italienische Tageszeitung La Repubblica das, was gerade bei der Roma los ist. Es geht um ungeahnte Chancen, die der Traditionsklub beim Schopfe packt, um endlich wieder im Kampf der Serie-A-Giganten mitzumischen. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Serie A)
„Was jetzt beginnt, wird die All-in-Saison der Familie Friedkin sein“, schreibt die Zeitung weiter. Die Friedkins, das ist eine milliardenschwere US-Unternehmerfamilie, die seit zwei Jahren Eigentümer des Vereins ist.
Den Startschuss dieser Entwicklung markierte bereits der vergangene Transfersommer, als José Mourinho an den Tiber wechselte.
Conference-League-Titel nur ein Trostpflaster
Der portugiesische Startrainer entfachte im Sommer 2021 eine Euphorie in Rom, auch wenn er in seiner ersten Saison nicht die ganz großen Sehnsüchte der Fans befriedigte.
Der Conference-Titel wirkte am Ende eher wie ein Trostpflaster, nachdem die Roma die Serie-A-Saison nur auf Platz sechs abschloss, sogar noch hinter dem verhassten Lokalrivalen Lazio.
21 Jahre ist es schon her, dass der stolze Hauptstadtklub den Scudetto zum letzten Mal gewann, damals mit Franceso Totti, Emerson und Gabriel Batistuta. Tempi passati, längst vergangene Zeiten. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Serie A)

Nun aber trauen sich die ersten Romanisti aus der Deckung - und es sind nicht nur die Anhänger, die von der Meisterschaft träumen.
Titelansage von Tammy Abraham
„Ich würde lügen, wenn ich nicht sagen würde, dass ich jetzt den Scudetto gewinnen will“, sagte unlängst Stürmer Tammy Abraham, der wie Mourinho in sein zweites Roma-Jahr geht. „Wir haben ein starkes Team, einen starken Trainer und sind ein großer Klub.“
Abrahams Zuversicht speist sich zum großen Teil aus den bisherigen Verpflichtungen der Roma, die auch die Fans zum Träumen anregen. Vor einer Woche zelebrierte der Klub seinen ersten Transfer sprichwörtlich mit Pauken und Trompeten.
Da wurde Paulo Dybala wie ein Popstar vorgestellt: Mitten in der Stadt sammelten sich Tausende Tifosi vor dem Palazzo della Civiltà italiana und zündeten rote Pyrofackeln ab, als eine Lichtershow an der Fassade des Gebäudes startete. Am Ende bedeckte Dybalas Gesicht den gesamten Palast.
Der Argentinier, der seine Zelte bei Juventus Turin abgebrochen hatte, hatte Tränen in den Augen, als er vom Moderator vorgestellt wurde und das Bad in der Menge sichtlich genoss.
Auch Wijnaldum kommt zur Roma
Dass Dybala bei der Roma landen würde, hatten nur die kühnsten Optimisten in der Stadt gehofft, schließlich galt der heute 28-Jährige lange Zeit als legitimer Erbe von Diego Maradona. Die Wahrheit ist allerdings auch, dass Dybala die in ihn gesetzten Erwartungen bislang nur zum Teil erfüllen konnte.
Doch wer glaubte, dass das Roma-Projekt der Friedkins mit dem Dybala-Transfer ihren Höhepunkt gefunden habe, sah sich getäuscht. Es dauerte nicht lange, da kamen bereits Gerüchte auf, dass sich mit Georginio Wijnaldum ein zweiter großer Name in die ewige Stadt aufmachen würde.
Eine Woche später ist klar, dass auch der niederländische Mittelfeldspieler dem Ruf Mourinhos folgt - und dafür auf einen Teil seines fürstlichen Gehalts verzichtet.
Wijnaldum, hinter dem im Sommer 2021 auch der FC Bayern her war, wurde bei Paris Saint-Germain nicht glücklich und versucht nun, ähnlich wie Dybala, in Rom wieder in die Spur zu kommen. Der 31-Jährige, den Jürgen Klopp vor einem Jahr nur sehr ungern aus Liverpool ziehen ließ, wird nach für ein Jahr ausgeliehen. (DATEN: Die Tabelle der Serie A)
Alles auf eine Karte?
Und da wäre ja auch noch Nemanja Matic, den Mourinho von Manchester United nach Rom lotste. Der Serbe unterschrieb ebenfalls nur bis zum Ende der Saison, „so, als wolle er sagen: ‚Wir haben keine Zeit zu verlieren: entweder wir gewinnen jetzt oder wir ändern den Kurs.“ (Repubblica)
„Den Kurs ändern“ hieße nichts anderes, als wieder kleinere Brötchen zu backen. Denn der Plan der Friedkins geht nur dann auf, wenn sich am Saisonende der gewünschte Erfolg einstellt - zumindest die Qualifikation für die Champions League.
Mit dem Geld aus der Königsklasse könnten die AS-Verantwortlichen den jetzigen Kader weiterhin stemmen. Blieben die Champions-League-Millionen dagegen aus, wäre der Roma-Traum schnell wieder geplatzt - und wohl ein Haufen Schulden übrig.
Alles oder Nichts? Das römische Pokerspiel ist eröffnet.