Es war ja nicht so, als ob sie gegen einen übermächtigen Gegner gespielt hätten. Doch auch Tottenham Hotspur, in dieser Saison im grauen Mittelfeld der Tabelle unterwegs und selbst von genügend Problemen geplagt, erwies sich am Ende als zu stark für Manchester United.
Ein stolzer Klub wird zur Lachnummer
Wenn jemand wissen wollte, wie es derzeit um den englischen Rekordmeister bestellt ist, reichte ein Blick auf Rúben Amorim nach dem frühen 1:0-Siegtreffer von James Maddison nach nicht einmal einer Viertelstunde.

Erst ließ der 40-Jährige seine Schultern sinken, dann streckte er beide Arme aus und verfolgte ungläubig das Treiben auf dem Spielfeld.
Heftige Kritik an Amorim
Erst eine Minute zuvor hatte er seinen Abwehrspieler Diogo Dalot darauf hingewiesen, Spurs-Star Heung-min Son etwas intensiver zu bewachen. Doch es war Dalot, der den Südkoreaner vor dem Tor aus den Augen ließ, als der ehemalige Bundesliga-Spieler den am Ende entscheidenden Treffer einleitete.
So verärgert der neue Trainer von United an der Seitenlinie auf diese Unkonzentriertheit seines portugiesischen Landsmanns reagierte, so heftig wurde auch Amorim selbst kritisiert.
Anlass der Kritik von Klub-Legende Phil Neville war dabei weniger das Abwehrverhalten in der letzten Reihe vor dem Tor als vielmehr die Raumaufteilung davor.
„Der Abstand zwischen den beiden zentralen Mittelfeldspielern ist komplett falsch“, zürnte der ehemalige englische Nationalspieler als Experte bei der Übertragung von Sky Sports. „Schaut euch an, wo Fernandes steht und wo Casemiro steht. Das verstößt gegen sämtliche Regeln des Fußballs.“
Neville: „Schockierend“
Einmal in Rage hörte der 48-Jährige gar nicht mehr auf mit seiner Kritik. „Das ist der absolute Wahnsinn. Die Struktur der Mannschaft ist furchtbar. Das Mittelfeld-Duo ist keine Einheit. Das ist nur noch peinlich, das sieht man nicht einmal bei Kindermannschaften der U9. Schaut euch den Platz im Mittelfeld an! Schockierend“, feuerte Neville eine Breitseite nach der anderen ab.
„Ich verstehe nicht, über was er sich so aufregt“, sagte er in Richtung von Amorim. „Das größte Problem ist in meinen Augen, wie diese Mannschaft aufgestellt ist.“
Dass nun, nach nur drei Monaten, der als Heilsbringer geholte Portugiese schon dermaßen in die öffentliche Kritik gerät, sagt viel aus über den Zustand des so stolzen und einst so erfolgreichen Traditionsklubs aus Manchester.
Alle elf Liga-Spiele hatte Amorim zuvor mit Sporting Lissabon gewonnen, war mit seinem Team in der Champions League mit 4:1 über Manchester City hinweggefegt. Wenn einer die alten Erfolge ins Old Trafford zurückbringen kann, dann nur Amorim - dachten sie bei United.
Doch die Bilanz des 40-Jährigen in Manchester liest sich wie eine Horrorgeschichte. Nur vier Siegen in der Premier League stehen zwei Unentschieden und unglaubliche acht Niederlagen gegenüber. Da nutzt es ihm auch wenig, dass er sowohl in der zweitklassigen Europa League als auch im FA-Cup mit seinem Team das Achtelfinale erreicht hat.
Was zählt, ist - derzeit zumindest - allein die Premier League. Und da steht Manchester United nach 25 Spieltagen auf einem indiskutablen 15. Platz – einem Abstiegsrang näher als den internationalen Plätzen.
Amorim wird für diese Bilanz zwar am schärfsten kritisiert - allein verantwortlich für die anhaltende Krise des Teams ist er jedoch nicht. Praktisch in jedem Mannschaftsteil fehlt es momentan an Qualität.
De Ligt stabilisiert United-Abwehr kaum
Die Offensive ist mit 28 Liga-Toren schlechter als die der abstiegsgefährdeten Wolverhampton Wanderers (35). Weder der Niederländer Joshua Zirkzee noch Rasmus Höjlund strahlen genügend Torgefahr aus.
Der Däne muss sich nun sogar Statistiken gefallen lassen, die besagen, dass er in dieser Saison weniger Tore (2) vorbereitet hat als City-Keeper Ederson (3).
Auch Keeper Andre Onana leistete sich gegen Tottenham nicht seinen ersten Fehler in dieser Saison, als er vor dem entscheidenden Gegentor den Schuss von Lucas Bergvall genau vor die Füße von Maddison abwehrte.
Die Abwehr stabilisieren kann bislang auch der ehemalige Bayern-Star Matthijs de Ligt nicht. In der englischen Presse wurde auch dem Innenverteidiger eine Mitschuld am Gegentor gegen Tottenham gegeben. Außerdem schlug er zu viele lange Bälle planlos nach vorn, die meist postwendend zurückkamen.
United plagt dazu ein enormes Verletzungspech. Da Manuel Ugarte gegen die Spurs ausfiel, musste der normalerweise offensiver agierende Bruno Fernandes im defensiven Mittelfeld aushelfen und mit Casemiro zusammenspielen, der unter Amorim schon so gut wie ausgemustert war - von den weiteren Verletzten im Defensivbereich um Lisandro Martínez, Kobbie Mainoo, Jonny Evans und Luke Shaw ganz zu schweigen.
Auf der Bank nahmen deswegen - neben dem einzig erfahrenen Schweden Victor Lindelöf - gleich acht Teenager Platz. Das spöttische Urteil des Radiosenders talksport: „Die beiden Reihen hinter Amorim erinnerten an ein Oberstufenkolleg mit einem schwedischen Hilfslehrer“.