„Ich weiß nicht, ob sie damit Uscins meinen.“ Als DHB-Trainer Alfred Gislason nach dem Aus im WM-Krimi gegen Portugal gefragt wurde, ob in seinem Team die letzte Überzeugung gefehlt habe, dachte er sofort an einen Spieler. Nicht etwa, weil er bei diesem ebenjene Überzeugung vermisst hätte, sondern weil er den 22-jährigen Senkrechtstarter vor jeglicher Kritik vehement verteidigen wollte.
Sinnbild eines Dilemmas
Vier Treffer aus zwölf Würfen, drei technische Fehler (kein deutscher Spieler hatte mehr) und vor allem in der Verlängerung mehrere schlechte Entscheidungen - es hätte definitiv Anlass dazu gegeben, die Leistung des Stars von der TSV Hannover-Burgdorf kritisch in den Blick zu nehmen. Doch auch Gislason war es nicht verborgen geblieben, wie emotional das 30:31 im Viertelfinale für seinen jungen Leistungsträger war.

Nachdem die Sirene erklungen war, flossen noch auf dem Feld die Tränen, wortlos und sichtlich mitgenommen verließ Uscins die Halle schnellen Schrittes durch die Mixed Zone. Die Enttäuschung war zu groß, die Last der vergangenen Wochen zu viel, um das Geschehene nun noch sachlich einordnen zu können.
Alles kulminierte in diesem Moment, als Martim Costa den finalen Treffer für Portugal erzielt hatte und Deutschland nicht mehr kontern konnte.
Uscins enttäuschte in der Schlussphase
Uscins, so ehrlich muss man sein, konnte dem deutschen Team in der finalen Phase des Spiels keinen Schub mehr verschaffen. Fünfmal warf er ab der 50. Minute aufs Tor, nur ein Versuch landete im gegnerischen Netz. Seine Abschlüsse kamen überhastet, unvorbereitet, die letzte Überzeugung und Kraft fehlte. Nicht zum ersten Mal bei der Weltmeisterschaft, die nun früher vorbei ist als erhofft.
Gislason hat die Entscheidungsfindung seines Schützlings im Laufe des Turniers bereits kritisch hinterfragt, aber nach dem bitteren Spiel gegen Portugal brach er eine Lanze für ihn: „Ich kann ihm überhaupt nichts vorwerfen, er hat wirklich alles gegeben.“
Mit Franz Semper habe es nur einen Wechselspieler auf Uscins‘ Position gegeben, für diesen war das Turnier nach seinem Comeback gegen Italien nach einem überzeugenden 20-Minuten-Einsatz verletzungsbedingt schon wieder beendet. „Diese Situation, dass er so gut wie alleine ist, hat er auch im Verein“, stellte Gislason klar.
Dass Uscins überspielt und am körperlichen wie psychischen Limit unterwegs ist, registrierte allerdings auch der isländische Trainer.
„Nur“ rund 43 Minuten stand Uscins gegen Portugal auf dem Feld, deutlich weniger als Julian Köster (64) oder Johannes Golla (69). Sogar der zuletzt kranke Juri Knorr spielte nach seiner frühen Einwechslung ähnlich lange wie Uscins (40).
Doch die Schonung im letzten Hauptrundenspiel gegen Tunesien und somit ganze fünf freie Tage reichten nicht, um den Akku auf ein angemessenes Niveau zu bringen.
Deutschland schon wieder in der Heimat
Schon wenige Stunden nach dem Ende aller Medaillenträume begab sich der deutsche Tross am Donnerstagmorgen in mehreren Gruppen auf den Weg in die Heimat. In neun Tagen stehen bereits die nächsten Bundesligaspiele an, der gnadenlose Spielplan lässt keine längeren Gedankenspiele über verpasste WM-Chancen zu.
Aber zumindest kurz wagte Gislason einen Blick in die deutsche Zukunft, von der er weiterhin ein Teil sein will – und die für ihn rosig aussieht.
„Auf den meisten Positionen sind wir sehr gut besetzt“, verwies er auf die Altersstruktur des Kaders und die Tiefe, die dieser in fast allen Bereichen hat.
Eine Ausnahme machte er allerdings: „Natürlich ist das eine große Sorge von mir, dass wir eigentlich nur zwei Spieler auf Rückraum rechts haben und beide angeschlagen sind. Das ist schon schwierig und dahinter ist momentan nichts zu sehen, was uns hilft. Klar macht uns das eine große Sorge.“
Ratlos ergänzte er: „Wie wir das regeln können? Das ist keine Sache, die wir sehr schnell lösen können.“
Lichtlein musste auf halbrechts aushelfen
Gegen Portugal half Youngster Nils Lichtlein als einer der wenigen Linkshänder im Kader im rechten Rückraum aus, doch „er ist nicht durchgekommen, da hat man den körperlichen Unterschied gesehen. Er ist eher Mittelmann als die Notlösung auf rechts“, wurde Gislason deutlich.
Die Hoffnungen dürften daher darauf ruhen, dass Semper dauerhaft fit bleibt und mit seiner Wurfgewalt eine wertvolle Alternative zu Uscins darstellt.
Dass Uscins gemeinsam mit Julian Köster, Juri Knorr und dem auch erst 27 Jahre alten Kapitän Johannes Golla noch für einige Jahre den Kern der Nationalmannschaft bilden kann, sorgt für ein enorm hohes Grundniveau.
Doch auch Gislason weiß, dass es noch mehr braucht. „Wir freuen uns über mehr Breite, die ist nötig gegen sehr starke Gegner. Das ist die Realität.“