Über neun Jahre ist es her, das wohl größte Spiel der Augsburger Vereinsgeschichte. Damals war es kein Geringerer als Jürgen Klopps FC Liverpool, der am 18. Februar 2016 in der Fuggerstadt zu Gast war. Tore fielen keine, doch das Ergebnis rückte an diesem historischen Europa-League-Abend in der WWK-Arena in den Hintergrund.
Europas bestes Bollwerk
Augsburg hatte die Vor-Saison (2014/15) - überhaupt erst die dritte Bundesliga-Spielzeit des Klubs - auf einem überragenden fünften Tabellenplatz abgeschlossen und sich für die erste Europa-Teilnahme der Vereinsgeschichte qualifiziert. In den folgenden Jahren war der FCA allerdings wieder ins Niemandsland der Bundesliga abgerutscht.

Von Europa träumen? Mitnichten, Abstiegskampf war angesagt. Nicht ein einziges Mal erreichten die Augsburger in den vergangenen neun Spielzeiten überhaupt einen einstelligen Tabellenplatz. Doch mit der Jahreswende hat sich in der Fuggerstadt etwas geändert. Plötzlich ist der Traum von Europa in Reichweite - und könnte Realität werden.
Das ist Thorups Erfolgsrezept
„Teamleistung, Geschlossenheit, Rollenverständnis“, fasste Trainer Jess Thorup sein Erfolgsrezept im Interview mit SPORT1 zusammen. Seit inzwischen zehn Bundesliga-Partien ist seine Mannschaft ungeschlagen. In der Rückrunden-Tabelle reiht sich Augsburg gar auf dem zweiten Tabellenplatz ein, nur die Nachbarn aus München sind besser.
Wie das funktioniert? „Jeder kennt seine Rolle, weiß genau, was wir von ihm erwarten – mit und gegen den Ball. Im Fußball geht es um Selbstvertrauen. Das haben wir uns über Spiele erarbeitet. Wir haben das Gefühl, wir können das Spiel gewinnen, egal gegen wen. Dieses Gefühl ist wahnsinnig schön."
Das Prunkstück der Mannschaft ist die Defensive, besser gesagt: Europas beste Defensive! Denn im Kalenderjahr 2025 hat Augsburg die wenigsten Gegentore in den europäischen Top-Ligen kassiert.
Vor Barcelona: Bestes Bollwerk Europas
Mit drei Gegentoren in elf Liga-Partien rangiert der FCA knapp vor Hansi Flicks Katalanen (fünf Gegentore in acht LaLiga-Partien) ein. In den vergangenen sechs Spielen musste Torwart Finn Dahmen nicht ein einziges Mal hinter sich greifen. Seit über zehn Stunden (613 Minuten) hält die Zu-Null-Serie an, der Bundesliga-Rekord von Timo Hildebrand (Stuttgart, 885 Minuten) ist in Reichweite.
„Finn ist natürlich überragend“, freut sich Thorup für seinen Keeper, der „viele schöne Glanzparaden“ verzeichne. „Aber für mich dürfen wir nicht vergessen, dass es ein Teamsport ist. Jeder Einzelne muss Leistung bringen. Alles läuft im Moment, auch für Finn.“
Von der Qualifikation für einen internationalen Wettbewerb will er außerdem (noch) nichts wissen. „Nur weil wir auf einem guten Weg sind, bedeutet es jetzt nicht, dass wir uns neue Ziele setzen“, unterstrich Thorup, wenngleich man „top ambitioniert“ sei und sich „so hohe Ziele wie möglich setzt“.
Thorup stand mit dem Rücken zur Wand
Dennoch ist seine Mannschaft durchaus nah dran, lediglich vier Punkte fehlen Augsburg (Neunter) derzeit auf Platz fünf. Und angesichts der starken Form - die Fuggerstädter holten starke 22 Punkte aus den vergangenen zehn Spielen - ist die direkte Qualifikation auf jeden Fall möglich.
Kurz vor der Jahreswende wäre dieses Szenario, dass Augsburg um die europäischen Plätze mitspielt, undenkbar gewesen. Mit mageren 16 Zählern waren Thorups Mannen (Platz 13) nur drei Zähler vom Relegationsplatz entfernt. Zudem hatte es gerade erst eine heftige 1:5-Klatsche bei Aufsteiger Kiel gesetzt. Auch Thorups Zukunft war ungewiss.
Doch dann gelang die überraschende Trendwende. „Die Zeit über Weihnachten habe ich evaluiert und habe versucht, die Spieler zu involvieren: ‚Was hat gepasst, was nicht? Was wollen wir verbessern?‘" erklärte der Däne.
Zudem kam kurz nach der Jahreswende mit Innenverteidiger Cedric Zesiger (Leihgabe von Wolfsburg) das womöglich fehlende Puzzleteil für die Defensive um Chrislain Matsima und Kapitän Jeffrey Gouweleeuw.
Einen großen Anteil hat in Frank Onyeka eine weitere Leihgabe. Der Nationalspieler Nigerias (Leihgabe aus Brentford) räumt vor der Abwehrkette auf und passt durch seine Zweikampfstärke perfekt ins System.
Augsburg-Offensive schwächelt
Die Offensive lässt dennoch zu wünschen übrig. Mit 106 erspielten Chancen und einem xG-Wert von 25,7 (bei 29 Toren; fbref.com) liegt der FCA in dieser Saison auf dem letzten Platz der Bundesliga, im Gegenzug liegt die Abwehr mit 121 zugelassenen Chancen auf Platz vier.
Nicht attraktiv, aber effektiv - so lautet das Erfolgsrezept. Und vorne gibt es ja noch Topscorer Alexis Claude-Maurice (elf Torbeteiligungen), der im Notfall auch allein für Tore sorgen kann.
Der Traum von Europa, er darf geträumt werden. Von „Spiel zu Spiel schauen“ - das hat laut Thorup bisher gut funktioniert. Warum also etwas ändern? „Und wer weiß, wo wir dann Mitte Mai stehen? Hoffentlich so hoch wie möglich.“