Nicht immer war die Paarung Bayer Leverkusen - Bayern München ein Spitzenspiel. Während die Bayern zum Bundesligainventar gehören und quasi seit dem Aufstieg 1965 um den Titel mitspielten, war die 1979 dazugestoßene Werkself lange eine graue Maus.
Über Nacht zur Kultfigur der Liga

In der Vor-Calmund-Ära ging es nur um den Klassenerhalt und ein Sieg gegen die Bayern war eine Sensation. Eine solche ereignete sich bei deren zweiten Auftritt im damals noch zugigen Leverkusener Stadion, das nach einem Bürgermeister (Ulrich Haberland) benannt war.

An jenem 7. März 1981 düpierte ein Norweger, für den Bayer Leverkusen damals stolze 200.000 D-Mark bezahlt hatte, die Weltstars jener Epoche, gleich doppelt. Als Fußballer, der das Spiel entschied, und als fairer Sportler, der dessen Geist bewahrte. Arne Larsen-Ökland wurde über Nacht zu einer Kultfigur der Bundesligageschichte. Der Reihe nach:
Das Ulrich-Haberland-Stadion meldete an diesem ersten Samstag Rekordbesuch (16.000), aber keineswegs „ausverkauft“. Ein volles Haus war damals keine Selbstverständlichkeit, selbst in der eigenen Stadt kämpfte Bayer um Anerkennung. Es war aber ohnehin nicht die Boomzeit der Bundesliga.
Ein Norweger verblüfft die Bundesliga
Meistertrainer Pal Csernai bot alle Stars jener Epoche, der man später das Etikett der „Breitnigge-Ära“ anheftete, auf. Die Nationalspieler Paul Breitner und Karl-Heinz Rummenigge verkörperten Weltklasse und regierten den FC Bayern in den frühen Achtzigern.
Und Leverkusen? Eine Ansammlung von Namenlosen. Nur Thomas Hörster brachte es viele Jahre später zum Nationalspieler, mit Dieter Herzog saß noch ein gealterter Weltmeister von 1974 auf der Bank. Zehn Deutsche und ein Ausländer trugen das Trikot der Werkself, völlig normal in diesen Zeiten. Mehr als zwei Legionäre auf dem Feld erlaubten die Statuten nicht.
Aber der Exot, für den Bayer im Sommer zuvor 200.000 D-Mark hingelegt hatte, um ihn vom FC Bryne auszulösen, war sein Geld wert. Spätestens seit jenem Samstag, als die Fußballwelt Arne-Larsen Ökland kennenlernen sollte. Binnen 24 Minuten erzielte der Lockenkopf unter den Augen seines eigens angereisten Nationaltrainers gegen desolat verteidigende Bayern drei Tore und damit einen klassischen Hattrick.
Erbost wechselte Csernai beide Innenverteidiger aus und stellte Klaus Augenthaler und Öklands Landsmann Jan-Einar Aas, der noch am selben Tag (!) verkauft wurde, an den Pranger.
Ökland dagegen stand noch lange im Rampenlicht – aber vor allem durch sein Tor, das nicht zählte.
Fair Play statt falscher Ehre
Durch ein absolutes Bundesliga-Novum, das ihm den Fair-Play-Preis der Fifa eingebracht hätte, wenn es den schon gegeben hätte. Es lief die 72. Minute, als etwas geschah, „was es in der Bundesliga so noch nie gegeben hat“, wie ARD-Kommentator Fritz von Thurn und Taxis in der Sportschau die Zuschauer vorwarnte.
Wieder einmal kam von rechts eine Flanke von Wolfgang Vöge - und Ökland handelte schneller als Widersacher Kurt Niedermayer. Aus kurzer Distanz schoss er den Ball ans Außennetz, das sich kräftig beulte. Dann trudelte er auf die Rasenfläche hinter (!) dem Tor.
Die Zuschauer auf der Tribüne jubelten trotzdem und auch Schiedsrichter Werner Horeis hatte aus seiner Perspektive den Eindruck, der Ball sei im Tor gewesen. Da auch sein Assistent nicht widersprach, zeigte er zur Mitte und schon lag der Ball zum Wiederanstoß bereit.
Doch die Bayern-Leader Breitner und Rummenigge protestierten so heftig, dass Ökland das Gewissen plagte, auch aus der nicht unberechtigten Sorge vor einem Wiederholungsspiel. Der 26-Jährige ging also zu Horeis und sagte ihm: „Ich will Ihnen helfen, weil Sie so gut gepfiffen haben. Es war kein Tor, ich habe nur das Außennetz getroffen.“ Horeis drückte Ökland dankbar die Hand und annullierte das Tor.
Rummenigge erstaunt
Rummenigge schüttelte den Kopf ob so viel Großmut, bedankte sich ebenfalls bei Ökland. Es blieb beim 3:0. Hinterher war der Matchwinner natürlich von der Presse umringt.
„Wenn es kein Tor war, muss ich das auch sagen“, sagte er auf Deutsch. Ungewöhnliches für Reporter-Ohren, die solche Sätze im harten Bundesligageschäft wohl noch nie gehört hatten. Natürlich kam dann die Frage auf, ob er auch beim Stande von 0:0 auf sein Tor verzichtet hätte.
„Doch, ich glaube schon“, sagte Ökland, der dann nicht mehr viel sagen wollte, da er unbedingt seiner Frau per Telefon sagen wollte, sie müssen unbedingt den Videorekorder programmieren. Denn am Abend saß der Held des Tages und der Saison sogar im ZDF-Sportstudio.
Vor lauter Nervosität war ihm zwar die eigene Nummer zunächst entfallen, aber die Frau warf den Recorder schließlich doch noch an. Das Medien-Echo war gewaltig.
„Seit Samstag darf man wieder an die Fairness in der Bundesliga glauben“, schrieb etwa die Münchner TZ - und Schiedsrichter Horeis lobte: „Ich habe Hochachtung vor einem Spieler, der so wie Ökland handelt.“
Schiedsrichter: „Man hat es mich spüren lassen“
Ihm selbst verdarb die Rücknahme des Tores eine internationale Kariere, glaubt Horeis: „Man hat es mich spüren lassen.“ Dem DFB und der FIFA war das Primat der Tatsachenentscheidung so heilig wie der Kirche die hohen Feiertage.
Ökland hatte eine internationale Karriere, aber „nur“ als Nationalspieler Norwegens - also ohne WM- oder EM-Teilnahmen. Die großen Angebote blieben aus, nach 101 Spielen und 43 Toren bis 1983 ging er in seine Heimat zurück. Vielleicht war den Topklubs ein Spieler, der zwar Tore erzielt, aber auch auf welche verzichtet, suspekt.
Bereut hat Ökland es nie. Noch 1995 sagte er: „Ehrlichkeit und Gerechtigkeit müssen immer vorgehen, sonst verliert der Sport seine Popularität.“