Es fühlte sich wie eine kleine Zeitreise an - genau eine Saison zurück: Die Leverkusener dominierten das Spiel beim FC Augsburg nach Belieben und führten folgerichtig mit 2:0, im Grunde hatte niemand das Gefühl, dass auf dem Rasen etwas anbrennen könnte. Die Stimmung unter den mitgereisten Fans war entsprechend gut - und sollte noch viel besser werden, als sich die Nachricht verbreitete, dass der FC Bayern in Mainz die erste Bundesliga-Niederlage der Saison kassieren würde. „Deutscher Meister wird nur der SVB”, schallte es immer wieder aus dem Gästeblock.
Hat sich Hoeneß zu früh gefreut?
Nicht immer glanzvoll, aber sehr seriös und bemerkenswert effizient - so hat die Werkself in der Double-Saison viele Spiele zu ihren Gunsten entschieden, so geschah es auch am Samstag. „Für mich war es ein Meisterstück eines Auswärtsspiels, wir haben den Ball trotz der schwierigen Platzverhältnisse laufen lassen, verdient zwei Tore geschossen und alles kontrolliert“, schwärmte Lukas Hradecky nach der Partie und ergänzte: „Vor zwei Monaten hätten wir vielleicht nicht so dominant gespielt. Das zeigt, dass die Mannschaft will.“ Wegen der „guten Nachrichten aus Mainz“, wie es der Finne formulierte, sei der Sieg dazu „ein sehr gutes Signal - auch woandershin“.

An wen dieses Wort „woandershin“ gerichtet war, ist klar: an den Spitzenreiter aus München. Nach einem eher holprigen Saisonstart hat sich Leverkusen bravourös gefangen und den Rekordmeister wieder ganz fest im Visier. „Letztes Jahr waren wir größtenteils die Gejagten. Das haben wir auch gut gemacht. Jetzt wollen wir die andere Rolle übernehmen“, ließ der Kapitän keinen Zweifel daran, dass Bayer das Titelrennen in der Bundesliga neu entfacht hat. Es scheint, als habe Trainer Xabi Alonso Gier und Mentalität ins Team zurückgebracht - und als hätten die vollmundigen Worte der Konkurrenz den Titelverteidiger zusätzlich angestachelt.
Fallen Hoeneß die eigenen Worte auf die Füße?
Zur Erinnerung: Vor knapp Wochen vier trat Uli Hoeneß, Klubpatron und Ehrenpräsident der Bayern, gewohnt offensiv vor die eigenen Fans und versprach diesen nichts weniger als den Titelgewinn in der Bundesliga. „Besser geht‘s nicht! Wir können uns nach einer längeren Zeit mal wieder schön zurücklehnen, Sorgen haben die anderen Klubs“, sagte der 72-Jährige damals dem kicker. Hoeneß tönte großmundig: „Was ich zusagen kann, ist die Deutsche Meisterschaft. Wir stehen zum heutigen Zeitpunkt wunderbar da. Wir sind Tabellenführer. Und unsere einzigen richtigen Konkurrenten Bayer Leverkusen und RB Leipzig liegen weit hinter uns.“
Das stimmte zunächst auch. Nach dem 10. Spieltag hatten die Bayern bereits fünf Punkte Vorsprung auf Leipzig und sogar ein Polster von neun Zählern auf Leverkusen - ein Traumstart nach der so schwachen Vorsaison. Unter dem neuen Trainer Vincent Kompany schien die Welt plötzlich wieder in Ordnung. Allerdings muss man rund einen Monat später feststellen: Hoeneß' Abteilung Attacke kam zur falschen Zeit. Zwar sind die Münchner mit 33 Punkten immer noch Tabellenführer, doch das Momentum hat sich verschoben. Eine Theorie: Die voreilige Ansage bewirkte etwas in den Köpfen der Rheinländer.
Nimmt sich Leverkusen den BVB zum Vorbild?
Während der Double-Sieger zuletzt wieder im Stile einer absoluten Spitzenmannschaft agierte und sieben Pflichtspiele in Folge gewann, geht den Münchnern vieles nicht mehr so leicht von der Hand wie noch im erfolgreichen Spätsommer oder im Herbst. Vor der Pleite in Mainz schwächelte der Rekordmeister bereits in Dortmund (1:1), der komfortable Abstand von neun Punkten ist auf nur noch vier Zähler zusammengeschmolzen. Zudem flogen die Bayern aus dem Pokal und verspielten damit bereits den ersten Titel der Saison. Der Gegner hieß ausgerechnet Leverkusen.
Kurios: Ex-Trainer Thomas Tuchel, der sich unter anderem auch mit Hoeneß verkrachte, hatte zum gleichen Zeitpunkt des Vorjahres zwei Punkte mehr gesammelt als Kompany. Nur stand der FCB damals im Schatten der Werkself, die am Ende ohne Niederlage durch die Saison pflügte und als erster ungeschlagener Meister in die Geschichte einging. Hat sich Hoeneß also zu früh gefreut? Es wäre es nicht das erste Mal, dass ein Titelverteidiger müde startet und die zunächst stärker erscheinenden Bayern doch noch abfängt.
In der Saison 2011/12 kam Borussia Dortmund, überraschender Meister der Vorsaison, nur schwer in Tritt. Nach sechs Spieltagen lagen die Schwarz-Gelben auf Platz elf, acht Punkte hinter Spitzenreiter Bayern. An die Titelverteidigung glaubten nur noch wenige. Zu instabil wirkte der BVB, zu abgezockt die Münchner. Doch Jürgen Klopp brachte seine Mannen rechtzeitig wieder in die Spur und startete eine furiose Aufholjagd, die am 34. Spieltag auf Rang eins enden sollte - mit satten acht Zählern Vorsprung auf die Konkurrenz.
Bis dahin ist es für Leverkusen noch ein verdammt weiter Weg. Dass er jedoch nicht unmöglich zu gehen ist, hat der vergangene Samstag gezeigt „Wichtig ist, dass wir unsere Spiele gewinnen. Wir haben nicht geschaut, was die anderen machen, sondern unsere Stärke gezeigt“, erklärte Geschäftsführer Simon Rolfes bei Sky. „Das ist das Ziel und das setzt andere Vereine unter Druck.“ Genau wie in der Double-Saison.