Christian Nerlinger hat über seine Zeit als Sportdirektor des FC Bayern mit Trainer Louis van Gaal gesprochen - und dabei Bemerkenswertes verraten! Durch seine Art habe der Niederländer Spieler teilweise zum Weinen gebracht.
"Defizite schonungslos aufgezeigt": So ging van Gaal bei Bayern vor
Van Gaal: Bayern-Stars weinten
„Seine Analysen waren zwar respektvoll und nicht beleidigend, aber so hart, dass der eine oder andere Spieler sogar geweint hat“, verriet Nerlinger dem kicker über van Gaal, der 2009 das Traineramt beim deutschen Rekordmeister übernahm, ehe er in seiner zweiten Saison im April 2011 entlassen wurde: „Defizite wurden schonungslos aufgezeigt, jeder Fehlpass wurde thematisiert – das führte dazu, dass wir einmal in Freiburg 63 Rückpässe gespielt haben, weil die Spieler Angst hatten, dass die Fehlpässe am nächsten Tag seziert werden.“
Gleichsam habe van Gaal den Spieler aber „ein Handbuch von Prinzipien“ mitgegeben: „Van Gaal hat wie ein Künstler in eine Tonmasse gegriffen und etwas geformt. Das war sicher eine schwere, aber im Nachhinein gewiss sehr positive Zeit“, erinnerte sich Nerlinger, der von 2009 Bayerns Sportdirektor und damit Nachfolger von Uli Hoeneß wurde, ehe er 2012 Platz für Matthias Sammer (Sportvorstand) machen musste.
Van Gaal: Zäsur zur Klinsmann-Saison
Der Zeitpunkt, zu dem van Gaal zu den Bayern kam, sei spannend gewesen, da er laut Nerlinger völlig anders als Vorgänger Klinsmann arbeitete. Hatte Klinsmann versucht „eine Wohlfühloase für die Spieler zu schaffen“, so Nerlinger, stellte der ehemalige niederländische Nationaltrainer klare Prinzipen auf, die die Spieler zu befolgen hatten.
„Er hat seine Philosophie erklärt, wollte den Spielern nicht nur das Passen beibringen, sondern auch ihre Persönlichkeit fördern. Das Frühstück war um Punkt neun Uhr und ging erst los, wenn alle da waren. Wenn jemand ihm nicht folgte, war das okay, nur könnte dieser dann auch keine Einsätze mehr erwarten“ erzählt der heute 50-Jährige.
Disziplin habe ganz oben auf der Tagesordnung gestanden. Van Gaal habe das Team immer „so vorbereitet, als wäre es ein Champions-League-Spiel“. behandeln, und habe sie auch entsprechend vorbereitet. Im Urlaub habe er den Stars aber Freiheiten gelassen. „Er sagte nur: Sie müssen Tennis spielen, sie müssen schwimmen, und sie müssen Liebe machen.“
Bayern-Bosse mit schwierigem Verhältnis zu van Gaal
In der Kommunikation mit den Spielern habe van Gaal große Fähigkeiten gehabt, so Nerlinger. Seine Haltung zu den Bossen war dagegen eine Herausforderung für den Verein.
„Er hatte immer höchste Wertschätzung gegenüber Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge, was sie geleistet haben, auch gegenüber des Vereins. Wenn es aber um sportliche Themen ging, wollte er das Sagen haben und hat nur Gesprächspartner akzeptiert, die an den Trainingseinheiten und Mannschaftssitzungen präsent waren, also unmittelbar im Thema waren. Das war neu und hat natürlich zu Reibungspunkten geführt.“
Eine konkrete Unstimmigkeit trug letztlich aber zu van Gaals Ende bei Bayern bei: Er sprach sich einst gegen eine Verpflichtung von Manuel Neuer aus. „Die Torhütersituation war sicherlich ein Knackpunkt“, sagte Nerlinger - der aber dennoch wertschätzend auf die Ära van Gaal bei Bayern zurückblickte: „Alles in allem war das Paket, das van Gaal für Bayern München bedeutet hat, schon enorm. Er hat das Fundament für spätere Erfolge geschaffen.“