Nach der 3:4-Heimniederlage gegen Hansa Rostock hatten Schalkes Bosse genug gesehen.
FC Schalke 04: Legende Huub Stevens reagiert überrascht auf Grammozis-Aus
„Schalke braucht einen Trainer, der ...“
Sie beurlaubten Trainer Dimitrios Grammozis nach fast genau einem Jahr Amtszeit, da das Ziel Wiederaufstieg akut in Gefahr ist.
Im SPORT1-Interview spricht Schalkes Jahrhunderttrainer Huub Stevens, der bis Sommer 2021 im Schalker Aufsichtsrat saß, über das Grammozis-Aus, das Profil für dessen Nachfolger, die Hoffnung auf eine Bundesliga-Rückkehr - und finanzielle Hilfe vom früheren Schalke-Boss Clemens Tönnies.
SPORT1: Herr Stevens, die Verantwortlichen von Schalke 04 haben am Sonntag Dimitrios Grammozis entlassen. Was sagen Sie dazu? (NEWS: Alle aktuellen Infos zur 2. Bundesliga)
Huub Stevens: Das ist sehr schade für Dimi. Das wirkt sich wieder mal negativ aus für den Verein. Meine Schalker haben sich in den vergangenen Wochen ordentlich präsentiert nach einem nicht so guten Start in die Saison. Dimi hat in meinen Augen einen guten Job gemacht. Und jetzt kam es dann wieder zu einer Trainerentlassung, damit hätte ich nicht gerechnet.
Stevens: „Natürlich ist der Aufstieg in Gefahr“
SPORT1: Der Grund für die Beurlaubung ist der akut gefährdete Wiederaufstieg.
Stevens: Natürlich ist der Aufstieg nach der Niederlage gegen Rostock in Gefahr. Aber mit einem neuen Trainer läuft auch nicht gleich alles reibungslos. Ich habe vor einigen Monaten gesagt, wenn man in der Winterpause sechs Punkte Rückstand auf einen Aufstiegsplatz hat, dann hätte noch eine Chance bestanden. Doch dafür hätte Schalke in der Rückrunde auch besser performen und so ein Spiel wie gegen Hansa gewinnen müssen. Wenn man diese Spiele nicht gewinnt, dann weiß man eigentlich, dass es für den Trainer schwierig werden kann. Dennoch tut es mir leid für Dimi. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der 2. Bundesliga)
Stevens: „Das war alles andere als einfach für ihn“
SPORT1: Wie haben Sie Grammozis in dieser Spielzeit gesehen?
Stevens: Dimi ist noch ein ziemlich unerfahrener Trainer und für ihn war es natürlich sehr schwer auf Schalke. Vor allem in der Phase, als der Abstieg schon feststand. Das war alles andere als einfach für ihn. Doch er hat den Kopf hochgehalten und sich nicht weggeduckt. Er hat diese schwere Herausforderung ohne Wenn und Aber angenommen. Anfangs gab es einige Schwierigkeiten, doch dann hat er das immer besser hinbekommen. Doch von der Leidenschaft war er genau richtig. Die zurückliegenden Wochen waren leider weniger erfolgreich und nun haben die Bosse reagiert. Schalke braucht jetzt einen Trainer, der zu 100 Prozent an den Wiederaufstieg glaubt und keine Minute zweifelt.
SPORT1: Tut Grammozis Ihnen leid?
Stevens: Ja. Mir haben sein Stil, wie er gearbeitet hat, und seine Art sehr gefallen. Das hat zu Schalke gepasst. Dimi hatte sich zu 100 Prozent auf Schalke eingelassen. Aber das muss auch dauerhaft rüberkommen und die Spieler müssen das auf dem Platz zeigen. Als Trainer bist du ein Stück weit allein, aber du hast ein Team um dich herum. Leider ist es wie so oft. Der Trainer ist leider immer noch das schwächste Glied. Die Spieler aber sind auf dem Rasen für die Ergebnisse verantwortlich.
SPORT1: Jetzt ist nach SPORT1-Informationen Schalkes U17-Trainer Onur Cinel eine Option, um interimsmäßig zu übernehmen. Was halten Sie davon?
Stevens: Einer aus der Knappenschmiede ist nie verkehrt. (lacht) Vielleicht hilft ein junger Trainer wie Cinel oder ein erfahrener Mann. Ich bin gespannt wie Rouven Schröder (Sportdirektor von S04, d. Red.) es lösen wird. Ich hoffe für Schalke, dass sie schnellstmöglich den Anschluss in der Tabelle wieder herstellen werden. Nur das zählt. Es kann durchaus sein, dass ein junger Bursche wie Cinel einen neuen Wind reinbringt. Er kommt aus der Knappenschmiede, kennt den Verein also ganz genau. Ich hoffe für alle Schalker, dass Rouven die richtige Entscheidung treffen wird. Ich habe so lange für diesen Klub gearbeitet, da hoffe ich natürlich, dass alles gut ausgeht, was da entschieden wird. (DATEN: Die Tabelle der 2. Bundesliga)
Stevens: „Dimi ist ein guter Junge“
SPORT1: Wie war Ihr Verhältnis zu Grammozis?
Stevens: Das war absolut in Ordnung. Dimi ist ein guter Junge. Er hat mich am Anfang auch mal um Rat gefragt und ich habe ihm gerne aus meiner Zeit erzählt. Und ich habe es damals befürwortet, ihn zu holen. Er hat sich Schalke in einer ganz schwierigen Situation zugetraut und das hat mir imponiert. Er hatte keine Angst. Ich wünsche ihm den bestmöglichen Erfolg.
SPORT1: Der Wiederaufstieg ist in Gefahr. Haben Sie Angst um Schalke?
Stevens: Ich habe vor Monaten bei SPORT1 gesagt, dass Schalke vielleicht zwei Jahre für die Rückkehr in die Bundesliga brauchen wird. Man sieht am Hamburger SV, wie schwierig es sein kann zurückzukommen. Je länger es dauert, umso schwerer wird es. Natürlich habe ich noch die Hoffnung, dass Schalke das packt. Sechs Punkte Rückstand auf Platz drei ist einiges, aber noch nicht unmöglich.
Stevens: „Die einzig richtige Entscheidung“
SPORT1: Wir müssen natürlich auch über Gazprom sprechen. Was sagen Sie dazu, dass Schalke den millionenschweren Sponsorendeal gekündigt hat?
Stevens: Die einzig richtige Entscheidung. Alles andere wäre nicht vertretbar gewesen. Du kannst nicht den Sponsor von einem Land auf dem Trikot tragen, das in ein anderes Land einfällt und dessen Präsident für so viele Verluste von Menschen verantwortlich ist. Ich bin sehr froh, dass Schalke das so schnell gekündigt hat. Was Putin da macht, geht einfach nicht. Es ist so traurig, was er den Menschen in der Ukraine antut.
SPORT1: Clemens Tönnies hat seine finanzielle Hilfe angeboten. Wie finden Sie das?
Stevens: Das ist super. Und ich bin froh darüber. Ich hoffe, dass die Bosse darüber nachdenken und diese Hilfe annehmen. Für mich stand immer eins fest: Schalke ist besser mit als ohne Clemens. Jeder, der dem Verein jetzt nach dem Ende von Gazprom hilft, ist willkommen. Ich werde Schalke auch immer helfen. Aber nicht mehr als Trainer. (lacht laut)